07.11.2011

Lungenkrebs - Schicksal oder Strafe?

Mehr als andere Krebspatienten sind Menschen mit Lungenkrebs einem gewissen Stigma ausgesetzt. „Hast Du geraucht?“, lautet oftmals reflexartig die erste Frage, sobald die Diagnose bekannt ist. „Wir Lungenkrebspatienten werden immer wieder auf diesen Satz reduziert“, kritisiert Barbara Baysal von der Selbsthilfe Lungenkrebs. Der Vorwurf, die Erkrankung selbst verschuldet zu haben, trifft alle gleichermaßen: Selbst Erkrankte, die nie geraucht haben, müssen sich rechtfertigen.

Auch Nichtraucher müssen sich rechtfertigen

Letztlich fragen sich viele Krebspatienten „Warum ich?“, „Was habe ich falsch gemacht?“, um möglicherweise einen „Sinn“ in ihrer Erkrankung zu finden. Jedoch ist bei keiner anderen Krebsart der Zigarettenkonsum als Ursache so klar und bekannt wie bei Lungenkrebs. Breite Kampagnen und Gesetze haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass Raucher immer mehr aus dem öffentlichen Bild verschwinden und das Rauchen insgesamt an Prestige verloren hat.

Etwa 85% aller Lungenkrebsfälle gehen auf das Rauchen zurück, das heißt ein geringer Teil der Patienten erkrankt „unverschuldet“. Lungenkrebsspezialisten wie Privatdozent Dr. Martin Reck vom Krankenhaus Großhansdorf beobachten, dass die Zahl der Nichtraucher, die an Lungenkrebs erkranken, sogar etwas steigt. Dass das Rauchen ebenso das Risiko für Brust- und Blasenkrebs erhöht, wird kaum thematisiert. Und in den Hintergrund gerät bei Lungenkrebs auch, dass die Entstehung von Krebs ein sehr komplexer Prozess ist, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen. Bis heute sind diese Mechanismen nicht abschließend geklärt.

Rauchstopp trotz Erkrankung noch sinnvoll

Der Vorwurf, selbst für die Erkrankung verantwortlich zu sein, trifft die Patienten in einer Situation, in der sie vor allem Verständnis, Zuwendung und eine gute Behandlung benötigen. Viele Patienten hören nach der Diagnose schlagartig mit dem Rauchen auf, anderen fällt dieser Schritt selbst dann nicht leicht. Nach Schätzung von Dr. Reck betrifft dies etwa 30% der Patienten. „Die psychische Belastung durch die Krankheit wird verstärkt durch den Druck, das Rauchen aufzugeben“, weiß Barbara Baysal aus ihrer Erfahrung als Beraterin.

Viele Patienten sind mit zwei Problemen gleichzeitig konfrontiert: den Schock der Diagnose zu verarbeiten und eine Sucht aufzugeben. Dennoch ist der Verzicht auf Zigaretten in nahezu jedem Krankheitsstadium wichtig für den Therapieverlauf. So haben wissenschaftliche Studien nachgewiesen, dass das Rauchen die Wirksamkeit einer Krebstherapie vermindert und das Tumorwachstum fördert. „Zudem bessern sich typische Beschwerden, wie Husten, Verschleimung und Luftnot“, betont Dr. Reck. Daher bekommen die Patienten in der Regel von ihrem behandelnden Arzt entsprechende Hilfsangebote und Unterstützung.

„Lungenkrebs ist nicht gesellschaftsfähig“

„Die Behandlung steht für die meisten Patienten erst einmal im Vordergrund“, sagt Frau Baysal. Auch wenn die Schuldfrage im Hintergrund mitschwingt, sei es in dieser Situation erst einmal wichtig, sich nicht zusätzlich zu belasten. Dennoch haben die meisten Lungenkrebspatienten Scheu, sich anderen Menschen anzuvertrauen, aus Angst, sich erklären zu müssen und weniger Verständnis beanspruchen zu können.

Anders als beispielsweise bei Darm- und Brustkrebs sei die Erkrankung in der Öffentlichkeit weniger präsent, sagt Frau Baysal. Während sich bei diesen Krebsarten viele Prominente engagieren, erfahre man bei bekannten Persönlichkeiten wie Diether Krebs oder Monika Bleibtreu oft erst nach dem Tod, dass sie an Lungenkrebs litten. „Lungenkrebs ist nicht gesellschaftsfähig“, lautet Frau Baysals Fazit.

Öffentlichkeit stärker sensibilisieren

Umso mehr ermutigen Barbara Baysal und Dr. Reck Betroffene, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. Dies sei die beste Möglichkeit, um sich von dem Stigma „selbst schuld“ zu befreien und die Öffentlichkeit für die Situation von Lungenkrebspatienten stärker zu sensibilisieren. Letztlich würden auch die Patienten davon profitieren, betont Barbara Baysal. Als sie selbst an Lungenkrebs erkrankt war, habe sie in der Rehabilitationsklinik keinen anderen Patienten mit dieser Krankheit getroffen. „Ich dachte, die sind alle tot“, erinnert sie sich. Heute ist sie geheilt und hat ein Netzwerk mit insgesamt 38 regionalen Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland mit aufgebaut, in dem sich Lungenkrebspatienten und ihre Angehörigen austauschen können.

Quellen:
Goeckenjan G et al. Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Lungenkarzinoms. Interdisziplinäre S3-Leitlinie. Pneumologie 2010; 64 (Suppl. 2): S23-S155.
Delbrück H. Lungenkrebs. Rat und Hilfe für Betroffene. Kohlhammer, 5. überarbeitete Auflage 2009