04.01.2018

Krebsprävention – wenn wir Ärzte nichts tun, wer sonst?*

Die Onkologie wird derzeit von den Ideen der personalisierten Medizin beherrscht. Eine regelrecht inflationäre Entwicklung der Publikationsorgane und Publikationen tragen dazu maßgeblich bei (1). Sicher ist es richtig, von grundsätzlich neuen Wegen der Krebstherapie zu träumen, aber das darf auf keinen Fall dazu führen, dass die Bereiche Prävention und Früherkennung von Tumoren vernachlässigt werden. Ganz im Gegenteil, hier ist intensives Bemühen geboten. Dies ist leider keineswegs der Fall! Deshalb die nachfolgende Übersicht über die aktuelle Situation.
Weltweit steigt die Krebsinzidenz (2,3). Nach Angabe der WHO gab es 2012 ca. 14 Millionen neue Erkrankungen mit einem erwarteten Anstieg um 70 % bis 2030. In Entwicklungsländern ist das derzeit kaum zu ändern, denn dort dominieren Infektionskrankheiten als größtes Gesundheitsrisiko. In Industrieländern gibt es dagegen keine Entschuldigung dafür, dass nicht mehr getan wird. Hier das Altern der Bevölkerung an die Spitze der Probleme zu setzen, ist falsch (4).
Sehr sorgfältige aktuelle Untersuchungen über Krebsursachen liegen für China vor. Dabei zeigte sich, dass 52 % der Krebstodesfälle bei Männern und 35 % bei Frauen auf zehn gut bekannte Krebsrisikofaktoren zurückzuführen waren. An der Spitze stand dabei Lungenkrebs mit einem Anteil von 57% bei Männern und 35% bei Frauen (5). Eine mit der Analyse in China vergleichbare Untersuchung über die Rolle der Krebsrisikofaktoren für Deutschland fehlt noch. Sicher ist dringend geboten, ernsthaft darüber zu reden, dass gegenwärtig jährlich ca. 230.000 Frauen und 250.000 Männer an Krebs erkranken (6). Jahr für Jahr steigen in Deutschland die Erkrankungsraten bei Brust-, Lungen- und Hautkrebs um 1,5 bis 4,5 %. Etwa 200.000 Menschen sterben an Krebs. Dabei ist nach Angaben der WHO ein Drittel aller Krebstodesfälle die Folge der fünf wichtigsten vermeidbaren Krebsrisikofaktoren (2). Wie die Deutsche Krebsgesellschaft einschätzte, ist Deutschland in Sachen Krebsprävention ein Entwicklungsland (7). Die staatlichen Aufwendungen für die Krebsprävention sind gegenwärtig nur etwa dreimal so hoch, wie die Mittel, die ausgegeben werden, um mit „Blitzern“ Verkehrsunfälle zu verringern. An der Spitze der vermeidbaren Krebsrisikofaktoren steht zweifelsfrei das Rauchen. Viel mehr und sehr Konkretes ist zu tun, um dem tödlichen Risiko des Tabakmissbrauchs zu begegnen. Natürlich ist hier vorrangig jeder Einzelne in der Pflicht, aber das Problem bedarf grundlegender Maßnahmen. In Deutschland sterben jährlich etwa 100.000 Menschen an den Folgen des Tabakmissbrauchs (6,8). Das Rauchen nimmt vor allem bei jungen Frauen zu. Die Tabakindustrie investiert jährlich 200 Millionen in Tabakwerbung (9). Auf der anderen Seite belastet Rauchen das Gesundheitssystem erheblich. Die Angaben dazu sind sehr unterschiedlich, aber aktuell muss sicher von einer Größenordnung von deutlich über 20 Milliarden € pro Jahr ausgegangen werden (10). Zu den Ausgaben zählen die medizinische Behandlung, die
durch das Rauchen entstehende Arbeitsunfähigkeit und früher Rentenbeginn. Allein Lungenkrebs belastet den Gesundheitshaushalt jährlich mit ca. 2 Milliarden €. Dringender Bedarf für Forschung und Vernunft besteht auch bei einem anderen, bestens bekannten Krebsrisikofaktor. 60 % der deutschen Bevölkerung sind dank der übervollen Regale in den Supermärkten und Bewegungsmangel übergewichtig.
Dabei ist gesichert, dass Übergewicht vor allem die Gefahr an Brustdrüsen- und Darmtumoren, aber auch an Krebserkrankungen der Speiseröhre, der  auchspeicheldrüse, des Gebärmutterkörpers und der Nieren zu erkranken, deutlich erhöht (6, 11). Übergewicht führt beim prä- und postmenopausalen Mammakarzinom auch zu reduziertem Überleben nach Therapie der Erkrankung (12). Bezüglich der kolorektalen Tumoren sind die  epidemiologischen Daten in der Welt unterschiedlich. In Deutschland erkrankten 2013 über 60.000 Menschen an Darmtumoren. Gut ein Viertel davon waren unter 65 Jahrealt. Dabei wurde die Mortalität eindeutig vom Funktionieren von Früherkennung und Frühoperation bestimmt. Gesichert ist auch das gut bewiesene Risiko Übergewichtiger für Erkrankungen an einem Melanom für die Altersgruppe unter 50 Jahren (13).
Und neue Probleme, über die kaum geredet wird, kommen auf uns zu. Inzwischen gibt es bereits in Italien ein Gerichtsurteil, dass die Entstehung von Hirntumoren durch zu intensive Handynutzung bestätigt. Keineswegs ist auszuschließen, dass aus der größten Entdeckung des Jahrhunderts eine ernste Gefahr für Kopf und Sinne wird. Das schwedische Krebsregister zeigt für 1998 bis 2015 eine jährliche Zunahme von Hirntumoren um 2,06 % mit einem Anstieg von 2007 bis 2015 um 5,63 %. Dabei wird eingeschätzt, dass Hirntumore im Register sogar unterrepräsentiert sind (14). All das sind sicher Gründe genug, der Frage nachzugehen, was ist zu tun, um eine wirksame Krebsprävention einzuleiten? Natürlich gibt es auch hier aktuelle Angebote zur Chemoprävention mit Hilfe der neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der molekularen Biologie. Seit dem Jahr 2000 werden jährlich 500 bis 600 Artikel zu diesem Thema publiziert. Gut bekannt geworden sind Substanzklassen, wie z. B. 5-Alpha-reductase Inhibitoren, Statine und Hormonantagonisten. Allerdings gibt es insgesamt eher Pessimismus als Optimismus (15). Unvergessen bleibt sicher die von dem zweifachen Nobelpreisträger so warm empfohlene Krebsprävention mit Vitamin C (16). Ohne den Nutzen regelmäßiger Vitamin C-Gaben als unnütz zu ignorieren, gibt es heute allerdings keinen Zweifel, dass derzeit andere Schwerpunkte gesetzt werden müssen.
Krebsprävention braucht Forschung, aber in erster Linie auch persönliche Verantwortung jedes Einzelnen. Dass dabei Anleitung und Kontrolle notwendig sind, steht außer Zweifel.
Dazu gehört in vielen Fällen die deutliche Veränderung von Lebensgewohnheiten, was bekanntlich nicht leicht ist. Mehr Sorgfalt braucht es da, wie beim Mammakarzinom gezeigt wurde. Die meisten Frauen mit Mammakarzinom haben mindestens einen Risikofaktor – routinemäßig dokumentiert, zum Zeitpunkt der Mammografie, wobei über 50 % der Tumorfälle durch diesen Faktor erklärbar sind (17). Sehr überlegenswert ist sicher auch in anderer Hinsicht das Nachdenken über das Thema Mammakarzinom. Gut bekannt ist die niedrige Brustkrebsinzidenz bei Frauen in Entwicklungsländern, die deutlich ansteigt, wenn diese den „westlichen Lebensstil“ der jungen Generation annehmen (18). Das Stillen nach der Geburt der Kinder bedeutet Brustkrebsprävention (19). Für das Bronchialkarzinom wäre eine Tabakmaut ein interessanter Lösungsansatz für wirksame Prävention. Bei allem braucht es gesundheitspolitisches Handeln. Es braucht ein enges Miteinander von Medizin und Gesellschaft. Um das zu erreichen, sind wir Ärzte in der Pflicht! Wenn wir nicht immer wieder an Krebsprävention erinnern, solche vorleben, manchmal auch einfach bloß zur Vernunft mahnen (21), wer soll es denn sonst tun! (22).

* Nach Cancerworld Nr.79, September/Oktober 2017

Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern
Literatur beim Verfasser: Prof. Dr. med. Stephan Tanneberger


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